Elena Scherschneva - Traumasensible Begleitung und Supervision für Berater:innen

Co-Abhängigkeit: Zwischen Authentizität und Bindung

Co-Abhängigkeit entsteht in der frühen Kindheit und wird manchmal so sehr ein Teil von uns, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen.

Ein blinder Fleck

Lange Zeit war mir meine eigene Co-Abhängigkeit gar nicht bewusst. Ich dachte immer, ich sei einfach nur besonders sensibel für die Emotionen anderer – so feinfühlig, dass ich oft gar nicht mehr wusste, was ich selbst eigentlich fühlte.

Erst viel später begriff ich, was hinter dieser übermäßigen Empathie wirklich steckte: Ich hatte unbewusst gelernt, meine eigenen Gefühle zurückzustellen, um die Stimmungen und Bedürfnisse der Menschen um mich herum zu erfüllen.

Was ich damals für Stärke in Sachen Einfühlungsvermögen hielt, war in Wahrheit ein Zeichen von Co-Abhängigkeit.

Authentizität vs. Bindung. Die Dynamik der Co-Abhängigkeit

Dr. Gabor Maté beschreibt Co-Abhängigkeit als Konflikt zwischen unserem Bedürfnis nach Authentizität und Bindung.

Schon als Kind haben wir ein tiefes Bedürfnis nach emotionaler Bindung zu unseren Eltern – wir müssen geliebt und versorgt werden, um zu überleben. Gleichzeitig haben wir das Bedürfnis, authentisch zu sein, also unsere echten Gefühle zu spüren und auszudrücken.

Wenn Kinder jedoch bemerken, dass unsere authentischen Gefühle die Bindung gefährden könnten, entscheiden sie sich – unbewusst – fast immer gegen die Authentizität und für die Anpassung.

Ein Kind wird lieber „brav“ sein und Gefühle wie Wut, Angst oder Traurigkeit unterdrücken, nur um weiterhin akzeptiert und geliebt zu werden. So sichert es zwar die Bindung (und damit sein Überleben), bezahlt aber den Preis, sich von seinem wahren Selbst zu entfremden.

Diese Überlebensstrategie wird zur zweiten Natur: Im Erwachsenenalter glauben viele schließlich, “so bin ich halt“, ohne zu merken, dass ihr eigentliches Ich unter all den Anpassungen verborgen liegt.

Diese Dynamik erklärt, warum wir später oft in co-abhängige Verhaltensmuster geraten.

Auch die Selbsthilfe-Gemeinschaft Adult Children of Alcoholics (ACA) – gegründet für Erwachsene aus Suchtfamilien – beschreibt typische Muster, die hier hineinspielen.

👉🏻 Viele Betroffene entwickeln ein überentwickeltes Verantwortungsgefühl: Es fällt ihnen viel leichter, sich um die Probleme anderer zu kümmern als um die eigenen.

👉🏻 Co-Abhängige fühlen sich oft schuldig, wenn sie einmal ihre eigenen Bedürfnisse durchsetzen oder gegenüber anderen Nein sagen.

👉🏻 Häufig haben sie bereits in der Kindheit gelernt, eigene Gefühle zu verdrängen – bis zu dem Punkt, dass sie gar nicht mehr richtig wissen, was in ihnen vorgeht.

Studien und Therapeut:innen bestätigen, dass Co-Abhängigkeit im Kern ein “hoch intelligenter Anpassungsprozess” an frühe Unsicherheiten ist – allerdings auf Kosten der eigenen Identität und Bedürfnisse.

Wie aber kannst du selbst solche co-abhängigen Dynamiken bei dir erkennen? Hier sind drei Ansätze, drei Fragen, die du dir stellen kannst:
Kinder entscheiden sich unbewusst immer gegen die Authentizität und für die Anpassung.

1. Fühle ich meine eigenen Gefühle? 

Co-abhängige Menschen sind Meister darin, die Stimmungen anderer wahrzunehmen, doch sie haben oft den Kontakt zu den eigenen Emotionen verloren.

Wenn du merkst, dass du ständig die Gemütslage deiner Mitmenschen “spürst”, aber Schwierigkeiten hast zu benennen, was du gerade fühlst, ist das ein Warnsignal. Viele von uns haben ihre Gefühle aus Schmerz sogar ganz “weggesperrt” und die Fähigkeit verloren, sie wirklich zu spüren.
💡 Tipp: Nimm dir im Alltag bewusst Momente, um in dich hineinzuhorchen: Was fühle ich gerade? – Diese Frage klingt einfach, kann aber ungewohnt schwer fallen, wenn man co-abhängige Muster entwickelt hat.

2. Wie gehe ich mit Grenzen und dem Wort “Nein” um?

Menschen mit Co-Abhängigkeit neigen dazu, es allen recht machen zu wollen. Hast du Mühe, deine Grenzen zu setzen, weil du niemanden enttäuschen oder verärgern willst? Sagst du Ja, obwohl du eigentlich Nein meinst, nur um Konflikte zu vermeiden?

Co-Abhängige stellen die Bedürfnisse anderer über die eigenen und übernehmen Verantwortung bis zur Erschöpfung. Sie haben oft das innere Glaubensmuster: “Konflikte sind gefährlich, ich muss sie um jeden Preis vermeiden.”.

Das äußert sich in übermäßigem People-Pleasing, ständiger Verfügbarkeit und dem Gefühl, für das Glück der anderen verantwortlich zu sein. Typisch ist auch dieses nagende Schuldgefühl, sobald man doch einmal Nein sagt oder sich für sich selbst entscheidet.
💡 Tipp: Beobachte dich selbst in solchen Momenten – fühlst du dich sofort unruhig oder egoistisch, wenn du eine Grenze setzt? Diese innere Unruhe kann ein Hinweis auf co-abhängige Dynamiken sein.

3. Wovon hängt mein Selbstwert ab? 

Definierst du dich stark darüber, für andere da zu sein? Fühlt es sich so an, als wärst du nur dann liebenswert oder “gut genug”, wenn du anderen hilfst, sie rettest oder gebraucht wirst?

Ein verbreiteter Glaubenssatz in der Co-Abhängigkeit lautet: “Ich bin nur wertvoll, wenn ich für andere sorge.”. Viele Co-Abhängige werden zu “Bestätigungssuchern”, die ihr eigenes Ich im Prozess verlieren. Sie suchen Anerkennung im Außen, weil ihnen das eigene Selbstwertgefühl fehlt.
💡 Tipp: Frage dich mal ehrlich: Wer bin ich, wenn ich nicht ständig für andere den/die Helfer:in spiele?

(Wenn dich diese Frage verunsichert oder leer zurücklässt, ist das ein Zeichen, dass dein Selbstwertgefühl (noch) sehr von deinem co-abhängigen Verhalten abhängt.)

Persönlicher Blick aus meiner Praxis

In vielen Sitzungen erlebe ich, wie Co-Abhängigkeit nicht als „Problem“ auftaucht, sondern als Kompetenz getarnt ist:

👉🏻 hohe Sensibilität,
👉🏻 rasches Erfassen von Stimmungen,
👉🏻 ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein.

Genau diese Stärken "kippen", wenn Zugehörigkeit wichtiger wird als Authentizität.

Ich kenne das aus meiner eigenen Geschichte: Ich spürte früh, was andere brauchen – und habe dabei oft nicht mehr gemerkt, was ich fühle.

In der Beratung zeigt sich das dann leise: ein Ja, obwohl innen ein Nein ist; ein schneller Lösungsvorschlag, bevor etwas wirklich gefühlt wurde; ein Kloß im Hals, der sagt: „Hier halte ich etwas fest, das gar nicht meins ist.“

Heute arbeite ich mit Klient:innen (und ehrlich gesagt, auch mit mir) an drei einfachen Schritten:

👉🏻 spüren,
👉🏻 benennen,
👉🏻 begrenzen.

Erst die körperliche Resonanz wahrnehmen (Enge, Druck, Unruhe), dann in (innere) Worte fassen, was wahrnehmbar ist, und schließlich eine klare, freundliche Grenze setzen.

Das bedarf etwas Übung und wird leichter, je öfter wir üben.

Co-Abhängigkeit löst sich nicht, weil wir „stärker“ werden, sondern weil wir präsenter werden.

Wenn das gelingt, entsteht etwas Bodenständiges: Verbindung, die nicht mehr von Anpassung lebt, sondern von Echtheit.

Fazit

Fazit: Co-abhängige Muster zu durchbrechen ist möglich und es lohnt sich auch.

Der erste Schritt besteht darin, Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln und gesunde Grenzen zu setzen.
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