Selbstfürsorge für Berater:innen

Empathie kann sich nicht entfalten, wenn die Gefühle deines Gegenübers zu deinen werden. Woran du den Punkt erkennst, wenn die Dynamik kippt, und was du dann konkret tun kannst, verrät dieser Artikel.

Wann kippt Empathie in Übernahme?

Empathie kippt dort, wo die Gefühle deines Gegenübers zu deinen werden. Ab da begleitest du nicht mehr, du trägst mit, und dem Gespräch ist das anzumerken, meistens bevor du es selbst bemerkst.

Es gibt diese Sitzungen, in denen du merkst, wie viel dir dein Gegenüber zutraut. Du hörst zu, du hältst mit, und irgendwo dazwischen läuft eine leise Frage mit: Wie bleibe ich offen, ohne mich zu verstricken.

Für uns psychosoziale Berater:innen ist Empathie eines der wichtigsten Werkzeuge. Sie macht Beziehung warm und sicher, und sie hat einen Kipppunkt.

Selbstfürsorge in der Beratung heißt, die eigene Präsenz zu hüten. Nach Gabor Maté entsteht Erschöpfung in helfenden Berufen aus fehlendem Selbstmitgefühl und nicht aus zu viel Mitgefühl gegenüber anderen.

Die Geschichte deiner Klient:innen darf und soll dich berühren. Es bleibt dabei trotzdem ihr Leben, ihre Geschichte, ihr Tempo.

Was ist Mitgefühlsmüdigkeit?

Compassion Fatigue, auf Deutsch Mitgefühlsmüdigkeit, ist der Fachbegriff für das, was nach zu vielen dichten Sitzungen übrig bleibt. Der Begriff unterstellt, dass Mitgefühl eine Ressource ist, die sich aufbraucht.

Maté widerspricht dem, und zwar deutlich:

„There's no such thing as compassion fatigue. There's only a lack of self-compassion."

So etwas wie Mitgefühlsmüdigkeit gibt es nicht. Es gibt nur einen Mangel an Selbstmitgefühl.

Der Unterschied ist praktisch, weil sich mit der Diagnose auch die Konsequenz ändert. Wenn Mitgefühl das Problem wäre, müsstest du weniger fühlen. Wenn Selbstmitgefühl fehlt, geht es um die Richtung, in die deine Aufmerksamkeit fließt.

Die Grundannahme

Mitgefühl erschöpft nicht. Erschöpfend wird es nur dann, wenn für dich keines übrig bleibt.

Das ist irgendwie logisch und wird trotzdem regelmäßig als Berufsrisiko verbucht, das sich nicht ändern lässt.

Die halbdurchlässige Membran

Das Wort verletzlich kommt vom lateinischen vulnerare, verwunden. Wer sich berühren lässt, macht sich angreifbar. Gleichzeitig ist genau das die Bedingung dafür, dass überhaupt Kontakt entstehen kann.

Gabor Maté unterrichtet dafür ein Konzept: die semipermeable Membran. Semipermeabel bedeutet auf Deutsch halbdurchlässig. Sie lässt die Verbindung durch und die Überwältigung nicht.

Ohne Grenze zu arbeiten führt zum Ausbrennen, und eine absolute Grenze richtet ebenfalls Schaden an, weil sie keine Resonanz zulässt. Die semipermeable Membran liegt genau dazwischen.

Oder, um es in den Worten einer weisen Person zu sagen, deren Name mir gerade nicht einfällt: „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht."

Diese Durchlässigkeit hält allerdings nicht von allein. Sie hängt am Selbstmitgefühl aus dem Abschnitt davor, weil ohne die Aufmerksamkeit nach innen aus Halbdurchlässigkeit nach ein paar Monaten entweder Ausbrennen wird oder Kälte.

Im Alltag zeigt sich das klein und unspektakulär: in einem Atemzug, der dich wieder erdet, in einem Satz, der Tempo herausnimmt, oder in der Entscheidung, heute eine Grenze zu ziehen, damit morgen wieder Nähe möglich ist.

Welche Anteile sich melden, wenn du zu viel trägst

Die meisten Verstrickungen entstehen aus guter Absicht. Du willst trösten, du willst Tempo machen, du willst genug geben. Dahinter melden sich meistens dieselben vier Stimmen: der Problemlöser, die Retterin, die Perfektionistin, die Lehrerin.

Sie dürfen da sein, und sie gehören trotzdem zurück auf ihren Platz. Was hinter solchen Stimmen steckt, beschreibt das Modell des internen Familiensystems, und die Praxis dazu ist dieselbe wie im Gespräch mit Klient:innen: erkennen, wer spricht, und weiterarbeiten.

Wenn dabei dein eigenes Nervensystem hochfährt, ist das ein eigenes Thema. Was in dem Moment funktioniert, steht im Artikel darüber, wenn du im Gespräch getriggert wirst.

Zehn Minuten für dich selbst

Aus Matés Diagnose folgt eine Übung, die klein genug ist, dass man sie in den Alltag einbauen kann: fünf bis zehn Minuten am Tag, in denen die Aufmerksamkeit bei dir bleibt. Kein Programm, keine App, keine Zielsetzung. Nur die Wahrnehmung.

Für ein Problem, das als unvermeidbares Berufsrisiko gilt, ist das wenig Aufwand mit großer Wirkung.

Hilfreich ist dabei die Frage nach dem Zustand, in dem du selbst gerade bist. Ob dein Nervensystem in Verbindung, in Alarmbereitschaft oder im Rückzug ist, entscheidet mehr über den Verlauf eines Gesprächs als jede Technik. Das Erkennen, in welchem Zustand dein Nervensystem gerade ist, lässt sich lernen.

Warum eine klare Grenze den Kontakt ehrlicher macht

Manchmal klingt Selbstfürsorge nüchtern. „Heute nicht mehr." Oder: „Das klären wir im nächsten Termin." Das fühlt sich beim Aussprechen oft härter an, als es ankommt.

Menschen spüren, wenn sie sich an dir anlehnen dürfen, ohne dass du unter ihnen zusammenfällst. Eine stabile Grenze macht den Kontakt in der Regel ehrlicher, weil beide wissen, woran sie sind.

Dass Grenzen setzen bei vielen alte Muster berührt, ist dabei die Regel. Warum Grenzen setzen alte Muster berührt, steht in einem eigenen Artikel, und der Mechanismus gilt für Berater:innen genauso wie für Klient:innen. Wo die eigene Rolle rechtlich endet, ist eine andere Frage, und dazu steht in einem weiteren Artikel, was du als LSB tun darfst und was nicht mehr.

Deine Präsenz als Arbeitsmittel

Was in der Beratung wirkt, ist selten die Technik. Es ist die Qualität der Aufmerksamkeit, die jemand im Raum vorfindet, und die hängt daran, wie es dir selbst gerade geht.

Damit ist deine Präsenz ein Arbeitsmittel, und Arbeitsmittel sollten gewartet werden, um einsatzbereit zu sein. Der Ansatz von Compassionate Inquiry nach Gabor Maté macht daraus eine Haltung, die von innen nach außen arbeitet und nicht umgekehrt.

Die beiden Extreme kenne ich übrigens selbst. Das Über-Einfühlen, das noch Tage nachhallt, und das saubere Funktionieren, das jedes Gespräch technisch korrekt und emotional leer macht. Dazwischen liegt die Mitte: berührt werden und bei sich bleiben, gleichzeitig. Wenn du das übst, verändert sich deine Präsenz.

Wenn du merkst, dass du regelmäßig mehr mitnimmst als dir guttut, schreib mir. Im Orientierungsgespräch klären wir, wie ich dich unterstützen kann.