Elena Scherschneva - Traumasensible Begleitung und Supervision für Berater:innen

Selbstfürsorge für Berater:innen:
Mit Gefühl da sein, ohne dich zu verlieren

Es gibt diese Sitzungen, in denen du merkst, wie viel dir dein Gegenüber zutraut. Du hörst, spürst, hältst mit – und gleichzeitig bleibt da eine feine Frage: Wie bleibe ich offen, ohne mich zu verstricken?

Genau hier beginnt Selbstfürsorge. Nicht als hübsches Add-on, sondern als Fundament professioneller Begleitung.

Zwischen Nähe und Grenze: der schmale Grat

Empathie ist unsere Währung. Sie macht Beziehung warm, sicher und menschlich. Aber Empathie ist nicht dasselbe wie Identifikation.

Wenn wir die Gefühle anderer zu unseren machen, kippt Nähe in Übernahme; wenn wir uns panzern, verdorrt der Kontakt.

Dazwischen liegt der Weg, den Dr. Gabor Maté mit dem Bild einer semi-permeablen Membran beschreibt: offen im Herzen, klar in der Verantwortung.

Die Geschichte unserer Klient:innen darf uns berühren – und doch bleibt es ihr Leben, ihre Geschichte, ihr Tempo. Wir halten Raum, wir lösen nicht; wir begleiten, wir „reparieren“ nicht.

Was Selbstfürsorge in der Beratung wirklich heißt

Selbstfürsorge bedeutet, die eigene Präsenz zu hüten.

Nicht, alles wegzuatmen. Sondern zu merken, wenn der innere Retter nach vorne drängt oder der Kritiker schärfer wird; zu spüren, wann das Gespräch zu schnell wird; zu erlauben, dass auch in uns etwas mitschwingt – und dennoch Leitung zu behalten

PS.: Was du tun kannst, wenn du dann doch einmal getriggert bist, kannst du 👉🏻 hier 👈🏻 nachlesen.

In der Beratung zählt weniger die perfekte Technik als wer wir im Raum sind: eine zugewandte, neugierige, nicht-wertende Präsenz, verwurzelt in Authentizität und Selbstwahrnehmung.

Diese Qualität in uns ist oft wirksamer als jedes Werkzeug.
Mitgefühl kann anstrengend werden, wenn man dabei selbst auf der Strecke bleibt.

Mythen entzaubern: „Zu viel Mitgefühl macht müde“

Viele nennen es „Compassion Fatigue“.

Gabor Maté dreht den Spiegel: Mitgefühl erschöpft niemals, sofern es nicht einseitig ist – wenn Wärme nur nach außen fließt und innen nichts ankommt, führt das zu Enttäuschung, Erschöpfung, Frustration.

Selbstfürsorge heißt dann, den Kanal in beide Richtungen zu öffnen.

Manchmal klingt das nach etwas Nüchternem wie: Heute nicht mehr. Oder: Das klären wir im nächsten Termin.

Klarheit ist kein Mangel an Empathie - sie ist gelebte Verantwortung. Dir selbst und deinen Klienten gegenüber.

Haltung statt Härte

Die meisten Verstrickungen passieren nicht aus Unwissen, sondern aus guter Absicht:

Wir wollen trösten, Tempo machen, „genug“ geben.

Oft sind das genau die inneren Anteile, die zwischen unserem Selbst und unserer Präsenz nach außen treten:

👉🏻 der Problemlöser,
👉🏻 der Retter,
👉🏻 die Perfektionistin,
👉🏻 die Lehrerin.

Sie dürfen da sein – und dennoch führen wir sie freundlich zurück auf ihren Platz.

So bleibt der Blick frei für das Wesentliche: die Beziehung, die Möglichkeit, die Würde im Gegenüber.
Die meisten Verstrickungen passieren aus guter Absicht

Semi-permeabel im Alltag

Semi-permeabel bedeutet halbdurchlässig. Oder, um es in den Worten einer weisen Person, deren Name mir gerade nicht einfällt, zu sagen:

"Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht".

Im Alltag zeigt sich diese Halbdurchlässigkeit unspektakulär:

👉🏻 in einem Atemzug, der dich wieder erdet;
👉🏻 in einem Satz, der Tempo rausnimmt;
👉🏻 in der Entscheidung, heute eine klare Grenze zu ziehen, damit morgen wieder echte Nähe möglich ist.

Es ist die kleine, wiederholte Geste, dich nicht zu verlieren – damit du andere gut begleiten kannst.

Und falls du dich fragst, ob das „zu streng“ wirkt: Meist wird der Kontakt ehrlicher, wenn deine Grenze stabil ist.

Menschen spüren, wenn sie sich an dir anlehnen dürfen, ohne dass du unter ihnen zusammenfällst.

Persönlicher Blick aus meiner Praxis

Ich kenne beide Extreme.

Das Über-Einfühlen, das noch Tage nachhallt.
Und das Funktionieren, das jedes Gespräch korrekt – aber leer – macht.

Was trägt, ist die Mitte: Ich lasse mich berühren und bleibe bei mir.

In Supervision erlebe ich immer wieder diesen Moment, in dem Kolleg:innen innerlich aufrichten, sobald sie sich erlauben, nicht alles zu tragen.

Die Schultern sinken, der Blick wird klarer, die Spannung weniger.

Nähe und Grenze, gleichzeitig. Daraus entsteht eine Atmosphäre, in der sich Menschen zeigen können – und du selbst stabil bleibst.

Zum Mitnehmen

Selbstfürsorge ist kein Rückzug aus der Beziehung, sondern ihr Schutzraum.

Sie hält dich offen, ohne grenzlos zu werden.

Sie erinnert daran, dass Veränderung beim Gegenüber entsteht – und dein Beitrag Präsenz, Struktur und wohlwollende Klarheit sind.

In diesem Sinn ist Selbstfürsorge kein Luxus, sondern professionelle Notwendigkeit.
Wenn du deine Grenzen spürbarer und tragfähiger machen möchtest:

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