Was ist ein Trigger?
Ein Trigger ist ein Reiz in der Gegenwart, der einen Zustand aus der Vergangenheit aufruft. Warum diese Momente so intensiv wahrgenommen werden und wie du trotzdem handlungsfähig bleibst, verrät dieser Artikel.
Die Metapher vom Abzug und der Munition
Jemand sagt zu dir einen Satz, und dein Zustand ist plötzlich ein anderer. Dein Atem wird flacher, der Kiefer fest, und im Kopf formt sich schon eine Reaktion, die mit dem Gesagten wenig zu tun hat. Andere nehmen diese Veränderung von außen oft gar nicht wahr, während bei dir etwas läuft, das schneller abgerufen wird als jede Methode, die du je gelernt hast.
Ein Trigger ist ein Reiz in der Gegenwart, der einen Zustand aus der Vergangenheit aufruft. Gabor Maté erklärt das am Bild einer Waffe: Den Schaden richtet die Munition an, nicht der Abzug. Der Satz, der Tonfall, die Handbewegung deines Gegenübers sind der Abzug, und die Wucht deiner Reaktion kommt aus alten Verletzungen, also von etwas, das schon zuvor „geladen" war.
Die Grundannahme
Ein Auslöser triggert etwas an, das aus der Vergangenheit stammt. Die Heftigkeit deiner Reaktion kommt aus dem, was in dir bereits angelegt ist, nicht aus dem, was gesagt wurde.
Damit verschiebt sich die Frage nach dem Verantwortlichen. Wenn du verstehen willst, warum ausgerechnet dieser eine Satz deines Gegenübers so eingeschlagen hat, bringt dich die Analyse der anderen Person nicht weiter.
Der Mechanismus dahinter ist seit Pawlow beschrieben. Im NLP heißt er Ankern: Ein an sich neutraler Reiz wird auf dem Höhepunkt eines emotionalen Zustands mit diesem gekoppelt. Jahre danach und ohne dass ein bewusster Gedanke dazwischenkommt, wird diese Verknüpfung wieder abgerufen. In der Ankerarbeit wird diese Kopplung bewusst hergestellt, um (positive) Zustände abrufbar zu machen. Ein Trigger ist dieselbe Kopplung, nur hat sie bei dir niemand absichtlich gesetzt und du rufst sie auch nicht bewusst ab.
In der Compassionate Inquiry gehört dazu ein Satz, auf den ich im Alltag öfter zurückgreife als auf jede Definition: Von außen triggern lässt sich nur, was innen schon wund ist. Das erklärt, warum dieselbe Bemerkung an deiner Kollegin abperlt und bei dir den ganzen Nachmittag nachhallen kann.
Was ist der Unterschied zwischen Gefühl und Wahrnehmung?
Ein Gefühl ist körperlich spürbar. Eine Wahrnehmung ist eine Deutung, in der ein Glaubenssatz steckt. Und vieles von dem, was du im Alltag als „Gefühl" bezeichnen würdest, gehört in die zweite Gruppe. Dieser Schritt ist für mich persönlich der wertvollste überhaupt, und er kostet dich keine zehn Sekunden.
Traurig, ängstlich, wütend, froh, beschämt: Diese Empfindungen brauchen keine weitere Erklärung. „Ich bin traurig" gehört in diese Gruppe. „Ich fühle mich im Stich gelassen" enthält dagegen eine Deutung, nämlich dass da jemand gegangen ist und dass das etwas über dich aussagt.
Faustregel
Was auf „-los" oder „-ung" endet, ist meistens eine Wahrnehmung.
Machtlos, hilflos, wertlos, Zurückweisung, Ablehnung.
Dieser feine Unterschied entscheidet darüber, ob du im Moment etwas dagegen tun kannst. Mit einer Wahrnehmung kannst du arbeiten, weil ein überprüfbarer Satz darin steckt: Stimmt er? Woher kommt er? Wem gehört er? Ein Gefühl dagegen ist einfach da, und Diskutieren macht es nur lauter. Wenn du im Moment deiner Aktivierung innerlich „Da ist Angst" sagst, hast du die Deutung schon von der Empfindung getrennt und damit deinen Handlungsspielraum zurück.
Maté hat dafür ein Mantra, das ich sinngemäß wiedergebe, weil ich es nirgends wörtlich belegt gefunden habe: Wo Anspannung ist, braucht es Aufmerksamkeit. Der Ansatz von Compassionate Inquiry nach Gabor Maté macht daraus ein systematisches Vorgehen, das bei der Körperwahrnehmung anfängt.
Was hilft, wenn du im Gespräch getriggert wirst?
Was im Raum funktioniert, ist eine Handvoll Handgriffe, klein genug, dass sie neben dem Gespräch laufen.
Drei Körpermarker scannen. Atem, Kiefer, Bauch. Ein bis zwei Atemzüge lang richtest du die Aufmerksamkeit dorthin, mehr braucht es nicht. Flacher Atem, fester Kiefer, enger Bauch sind dein Frühwarnsystem, und es schlägt früher an als der Gedanke „ich bin getriggert".
Länger ausatmen als einatmen. Vier ein, sechs aus, die Zunge kurz vom Gaumen lösen, die Füße am Boden spüren. Das bremst die Aktivierung, und wenn du wissen willst, warum, findest du die Erklärung im Artikel über die drei Zustände des Nervensystems.
Das Tempo übernehmen. Eine Zusammenfassung („Ich fasse kurz zusammen, ob ich Sie richtig verstanden habe") verschafft dir zwei Atemzüge und deinem Gegenüber Präzision. Eine Überschriftfrage („Wenn Sie an diese Stelle denken, welcher Satz wäre die Überschrift?") verkleinert den Fokus. Und wenn es zu viel wird, ist Vertagen eine professionelle Entscheidung: „Machen wir hier einen Punkt und nehmen es beim nächsten Termin wieder auf."
Innerlich benennen, wer sich meldet. Kritikerin, Retterin, Perfektionistin, jede dieser Stimmen hat einen Job. Die Praxis dazu ist unspektakulär: zur Kenntnis nehmen, kurz danken, weiterarbeiten. Ein Anteil, den du gehört hast, drängt sich seltener nach vorn. Dass diese Stimmen ein System bilden und jede von ihnen eine Schutzfunktion erfüllt, beschreibt das Modell des internen Familiensystems.
Die Nachsorge in den zehn Minuten danach
Deine Nachsorge entscheidet, ob aus einem Moment ein Muster wird. Und das ist auch der Teil, den sehr viele auslassen, ich manchmal auch.
Direkt nach dem Gespräch: aufstehen, dreimal lang ausatmen, die Schultern lösen und den Blick aus dem Fenster in die Weite nehmen. Danach zwei Zeilen für dich, mehr nicht: Was hat dich erwischt, was hat dich wieder geerdet. Auf dreißig Sekunden begrenzt lässt sich das im Alltag durchhalten, während der Vorsatz, abends ausführlich zu reflektieren, meistens bis Donnerstag hält.
Dann ein Satz an dich selbst, und der darf nüchtern sein. „Genug für heute. Das Wesentliche nehme ich mit, der Rest bleibt hier." Das dauert zehn Sekunden und gehört zu deiner Arbeit. Wie du das in einen Arbeitsalltag einbaust, der ohnehin voll ist, steht am Beispiel der Beratung ausführlicher im Artikel zur Selbstfürsorge für Berater:innen. Diese Erkenntnisse lassen sich aber auch auf viele andere Berufsgruppen anwenden.
Das Muster, das sich über Wochen zeigt
Aus einem einzelnen Trigger kannst du wenig ableiten, die Information liegt in der Wiederholung. Wenn du über zwei, drei Monate mitschreibst, bekommst du eine kurze Liste: drei Auslöser, die immer wieder auftauchen, und drei Gegenmittel, die bei dir zuverlässig greifen.
Meistens ist die Liste unangenehm konkret. Klientinnen, die alles besser wissen, Männer, die laut werden, jemand, der weint und dabei entschuldigend lächelt. Und vielleicht ist da noch die Klientin, bei der du dich nach jeder Sitzung fragst, ob du für nächste Woche wirklich schon zugesagt hast.
Genau diese Menschen finde ich fachlich die interessantesten. Nach Gabor Maté sind gerade die Klient:innen, die am stärksten triggern, die besten Lehrer:innen, weil sie zuverlässig auf etwas zeigen, das in deiner eigenen Geschichte offen ist. Angenehm ist das selten, und trotzdem ist es für mich die brauchbarste Information, die dieser Beruf hergibt. Robert Betz bezeichnet diese Personen als „Arschengel", und ich finde die Beschreibung persönlich sehr passend :-)
Der Punkt, an dem die eigene Bearbeitung anfängt
Ab einem bestimmten Punkt hat dein Selbstmanagement, insbesondere in deiner Berater:innenrolle, Grenzen. Wenn ein Trigger regelmäßig die Sitzung kippt, wenn du danach stundenlang beschäftigt bist, wenn eine bestimmte Art von Klientin dich zuverlässig aus der Rolle holt (und das merkst du früher als jede Supervisorin), dann liegt deine Arbeit bei der Ladung dahinter.
Dafür gibt es Supervision. Dort siehst du dir in Ruhe an, was die Situation ausgelöst hat, ohne dass gleichzeitig jemand vor dir sitzt, der etwas von dir braucht. Wichtig ist dabei: Die Grenze der psychosozialen Beratung verläuft dort, wo Krankheitswert beginnt, und das gilt für deine eigene Geschichte genauso wie für die deiner Klient:innen.
Die dritte Möglichkeit neben Rückzug und Angriff
Wenn ein Triggerereignis etwas aufreißt, das bei dir offen ist, stellt dir dein Körper im ersten Moment in der Regel zwei Reaktionen bereit: zurückziehen oder angreifen. Beide sind alt, beide waren einmal klug, und beide beenden den Kontakt.
Die dritte Möglichkeit ist zu bleiben und hinzuschauen: im Moment mit dem Atem und dem Tempo, nach der Sitzung mit zwei Zeilen, über Wochen mit der Liste, die dabei entsteht.
Trigger-Freiheit gibt es dabei nicht zu gewinnen. Kürzer wird die Zeit zwischen dem Moment, in dem es dich erwischt, und dem Moment, in dem du wieder da bist, und diese Spanne lässt sich bei den meisten Kolleg:innen, mit denen ich arbeite, verkleinern.
Wenn du deine eigenen Trigger einmal in Ruhe ansehen willst, schreib mir. Im
Orientierungsgespräch klären wir, wie ich dich unterstützen kann.
Mehr Hintergrundwissen
Artikel zu den Mechanismen hinter der Arbeit, sortiert nach Methode.