Was ist IFS (Internal Family Systems)?

Das Modell von Dr. Richard Schwartz beschreibt die Psyche als ein System innerer Anteile, von denen jeder eine Aufgabe hat. Was das konkret für deine Klient:innen oder dich selbst bedeutet, liest du in diesem Artikel.

Was IFS ist

IFS steht für Internal Family Systems, auf Deutsch internes Familiensystem. Es ist ein psychologisches Modell, das davon ausgeht, dass die Psyche aus Teilpersönlichkeiten besteht, zahlreichen Anteilen, die alle in Beziehung zueinander stehen.

Dazu kommt im Modell das Selbst: ein innerer Kern, der ruhig und mitfühlend ist und das System führen kann.

Entwickelt hat es Dr. Richard C. Schwartz. Als Familientherapeut fiel ihm auf, dass Klient:innen sich häufig widersprüchlich verhielten, weil in ihnen unterschiedliche innere Stimmen wirkten. Er übertrug daraufhin das, was er über Familien wusste, auf das Innenleben einer einzelnen Person.

Die Grundannahme von IFS

Jeder Teil erfüllt eine (jedenfalls vormals) überlebensnotwendige Aufgabe in deinem System.

Für den Umgang mit inneren Anteilen bedeutet das: Man kann Teile nicht einfach „wegschicken". Sie brauchen Würdigung und im Idealfall eine neue Funktion, die sie übernehmen können.

Welche drei Arten von Anteilen unterscheidet IFS?

Schwartz unterscheidet drei Gruppen von Anteilen, sortiert nach ihrer Aufgabe im System: Manager, Feuerwehrleute und verstoßene Anteile.

Manager halten den Alltag am Laufen. Sie kontrollieren, planen und sorgen vor, damit unangenehme Gefühle gar nicht erst hochkommen. Der Anteil, der immer noch eine Runde arbeitet, und der, der bei jeder Bitte zusagt, gehören hierher.

Feuerwehrleute (im Original firefighters) springen an, wenn es trotzdem wehtut. Sie handeln impulsiv und unterbrechen den Schmerz sofort, über Ablenkung, Rückzug, Selbstsabotage oder Suchtverhalten. Sie haben dasselbe Ziel wie die Manager und benutzen andere Mittel.

Verstoßene Anteile (exiles) sind meist jung und tragen die alten Verletzungen. Das System isoliert sie, damit der Betrieb weiterläuft.

Ziel der Teilearbeit nach IFS ist es, die vorhandenen Anteile in ihren Rollen zu entlasten, indem man das Selbst stärkt.

Was ist das Selbst im IFS-Modell?

Nach diesem Modell ist das Selbst immer vorhanden. Es wird zugänglich, sobald genug Ruhe im System ist, und genau da hakt es im Alltag: Ein Nervensystem in Alarmbereitschaft lässt keine Ruhe zu.

Laut Schwartz lässt sich das Selbst nicht zerstören. Das finde ich die interessanteste Aussage des ganzen Modells, weil sie die Suchrichtung dreht: Es geht um die Bedingungen, unter denen sichtbar wird, was ohnehin schon da ist.

Was im Körper darüber entscheidet, ob diese Ruhe möglich ist, beschreibt die Polyvagaltheorie.

Das Selbst zeigt sich über bestimmte Qualitäten. Das IFS-Institut nennt acht davon, die im Englischen alle mit C beginnen:

  • Calm (Ruhe)
  • Curiosity (Neugier)
  • Clarity (Klarheit)
  • Compassion (Mitgefühl)
  • Confidence (Vertrauen)
  • Courage (Mut)
  • Creativity (Kreativität)
  • Connectedness (Verbundenheit)

Daneben führt IFS eine zweite Reihe, die fünf P: Presence, Patience, Persistence, Perspective und Playfulness (Präsenz, Geduld, Ausdauer, Perspektive, Verspieltheit). Die acht C beschreiben die Selbst-Energie, die fünf P beschreiben die Qualitäten, die IFS von Berater:innen verlangt.

Mir ist Präsenz in der Praxis die wichtigste von allen, weil sie das ist, woran ich im Gespräch merke, ob jemand im Selbst ist oder in einem Anteil.

Diese Eigenschaften sind nach dem Modell in jedem Menschen angelegt. Die Arbeit besteht darin, sie wieder zugänglich zu machen.

Was das für dich selbst heißt

Du brauchst keine Ausbildung, um dich mit deinen inneren Anteilen vertraut zu machen. Sie zeigen sich in alltäglichen Situationen.

Du möchtest etwas sagen und tust es dann doch nicht. Du nimmst dir vor, heute früher Schluss zu machen, und sitzt um acht noch da. Du sagst zu, obwohl dein erster Impuls nein war, und ärgerst dich den ganzen Abend.

Obwohl Willensschwäche oder fehlende Entscheidungskraft die naheliegende Deutung wäre, gibt es eine ganz andere und doch einfache Erklärung: Da sind drei Anteile, die verschiedene Dinge wollen, und jeder hat einen Grund. Der eine will Ruhe, der andere will keinen Ärger. Der dritte will geliebt werden. Und wenn sie sich zeigen, ist die erste Reaktion häufig die Abwehr: Wir wollen sie weghaben.

Der praktisch effektivste Zugang, um damit umzugehen, ist die Frage: „Welcher Teil meldet sich gerade, was ist seine (positive) Absicht und was braucht er?"

Besonders deutlich wird das bei Mustern, in denen jemand dauerhaft für andere sorgt und sich selbst hintanstellt. Da arbeitet meist ein Manager-Anteil, der früh gelernt hat, dass Zugehörigkeit über Nützlichkeit läuft. Mehr dazu im Artikel über Co-Abhängigkeit.

Dürfen Lebens- und Sozialberater:innen mit IFS arbeiten?

Ja, innerhalb des Rahmens der psychosozialen Beratung, und die Grenze lässt sich hier genauer ziehen als bei den meisten Ansätzen, weil das Modell sie selbst benennt.

Im Rahmen liegt die Arbeit mit Managern und Feuerwehrleuten: innere Stimmen benennen, ihre Aufgabe verstehen, sortieren, wer gerade spricht, und die Selbstführung stärken. Das ist Beratung am klinisch gesunden Menschen, und dafür ist die Teilearbeit ein ausgesprochen brauchbares Werkzeug. Schon das Erkennen und Benennen innerer Stimmen entlastet, ohne dass etwas verändert werden muss.

Außerhalb liegt der Schritt, den IFS als Entlastung beschreibt: der gezielte Zugang zu den verstoßenen Anteilen und die Bearbeitung der Verletzung, die sie tragen. Das ist Arbeit mit traumatischem Material und gehört zur Psychotherapie. Zeigen dürfen sich diese Anteile trotzdem. Was du in der Beratung tust, ist sie anzuerkennen und mit dem System weiterzuarbeiten, das sie schützt.

Die Faustregel: Du arbeitest mit dem Schutz, nicht mit dem Verletzten darunter.

Ich persönlich arbeite sehr gerne mit Ansätzen aus dem IFS. Besonders gut geeignet ist das Modell für Klient:innen, die sich innerlich zerrissen oder blockiert fühlen.

Wo bei dieser Arbeit die rechtlichen Grenzen verlaufen, steht im Artikel für Lebens- und Sozialberater:innen: Teilearbeit durch psychosoziale Berater:innen ersetzt keine Trauma- oder Psychotherapie.

Und das macht diese Methode so kraftvoll: Sie folgt dem Tempo der Klient:innen, bietet Struktur und holt nichts hervor, was noch nicht bereit ist, gesehen zu werden.

Aus meiner Praxis

In der Supervision begleite ich regelmäßig Berater:innen, die merken, dass sie innerlich in verschiedene Richtungen gezogen werden. Ein Anteil will helfen, einer zweifelt, ob genug getan wurde, und der dritte ist erschöpft von den ständigen Gedanken.

Mit dem Modell werden diese Stimmen hörbar und oft zum ersten Mal voneinander unterscheidbar. Wer sie unterscheiden kann, kämpft nicht mehr gegen sich selbst, während er arbeitet.

Was die Leute danach berichten, ist eigentlich unspektakulär, aber wirksam: Sie bleiben in Gesprächen länger ruhig, sie merken schneller, wenn etwas bei ihnen selbst anspringt, und sie nehmen weniger mit nach Hause. Wie sich das erkennen und einordnen lässt, steht im Artikel 5 Tipps, wie du eigene Trigger erkennst und integrierst.

Die Haltung dahinter, Neugier und Mitgefühl gegenüber den eigenen Anteilen, ist auch der Kern von Compassionate Inquiry nach Dr. Gabor Maté. Die beiden Ansätze greifen ineinander, ohne dass man sie aneinander anpassen müsste.

Wenn du selbst beratend arbeitest: Wie sich Teilearbeit im Rahmen der psychosozialen Beratung führen lässt und wo die Grenze zur Traumatherapie verläuft, geht der Online-Kurs Traumasensible Beratung durch.

Wenn du damit arbeiten möchtest, schreib mir. Im Orientierungsgespräch klären wir, wie ich dich unterstützen kann.