Elena Scherschneva - Traumasensible Begleitung und Supervision für Berater:innen

„Compassionate Inquiry & traumasensible Beratung
der Schlüssel zu emotionaler Sicherheit“

Compassionate Inquiry nach Dr. Gábor Maté verbindet Mitgefühl mit klarer Selbsterkenntnis.
Der Artikel zeigt, wie dieser Ansatz die traumasensible Beratung vertieft – ohne therapeutisch zu werden.

Für psychosoziale Berater:innen, die verstehen wollen, wie Körper, Beziehung und Bewusstsein in ihrer Arbeit zusammenwirken.

Wenn Wissen nicht reicht: Eine persönliche Erfahrung.

Ich erinnere mich an eine Beratungssituation, in der plötzlich alles, was ich wusste, in den Hintergrund rückte.

Eine Klientin erzählte ruhig, fast sachlich, von einer Situation, in der sie sich als Kind ohnmächtig gefühlt hatte. Während sie sprach, spürte ich, wie sich in mir etwas zusammenzog – mein Atem wurde flach, mein Körper spannte sich an. Ich blieb präsent, aber innerlich war ich in Alarmbereitschaft.

Als psychosoziale Berater:innen arbeiten wir nicht am Trauma. Und doch kann es in Gesprächen vorkommen, dass Erlebnisse berührt werden, die das Nervensystem sichtbar belasten. In solchen Momenten braucht es innere Stabilität – und ein Bewusstsein dafür, was im eigenen Körper geschieht.

Ich habe damals gemerkt: Mein Wissen reichte nicht aus, um ruhig zu bleiben, wenn alte Stressmuster aktiviert werden.

Also begann ich, mich tiefer mit der Polyvagaltheorie und den Reaktionen des Nervensystems zu beschäftigen. Ich wollte verstehen, warum wir manchmal „anspringen“, obwohl wir wissen, dass gerade keine reale Gefahr besteht. Diese Suche führte mich schließlich zu Compassionate Inquiry (CI) – einem Ansatz, der meine Arbeit als Beraterin nachhaltig verändert hat.

Was ist Compassionate Inquiry (CI)?

Compassionate Inquiry (übersetzt: Mitfühlendes Erforschen) wurde von Dr. Gábor Maté entwickelt. Es ist ein beziehungsorientierter Beratungsansatz, der hilft, die unbewussten Muster hinter unseren Gefühlen, Reaktionen und Verhaltensweisen zu erkennen.

CI geht davon aus, dass jedes Verhalten – auch das, das uns heute stört oder hemmt – eine frühere Funktion hatte: Es war einmal eine Form von Schutz oder Anpassung.

Statt auf Symptome zu fokussieren, fragt CI: „Was liegt unter dem, was ich zeige?

Im Mittelpunkt steht dabei keine Technik, sondern eine Haltung – geprägt von Achtsamkeit, Neugier und Mitgefühl. Die Berater:in unterstützt die Klient:in dabei, die innere Erfahrung wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Dadurch können Muster bewusst werden, die bisher automatisch abliefen.

Besonders wertvoll ist, dass Körperempfindungen aktiv einbezogen werden. Denn unser Nervensystem reagiert oft schneller als der Verstand. Wenn wir im Gespräch wahrnehmen, was im Körper passiert – Enge, Druck, Kälte oder Wärme –, können wir lernen, mit diesen Signalen in Kontakt zu bleiben, statt sie zu übergehen.
Die Grundannahme von CI:

"Jedes Verhalten hatte eine berechtigte Funktion"

Wie Compassionate Inquiry die traumasensible Beratung vertieft

In der traumasensiblen Beratung geht es nicht um die Bearbeitung von Traumata, sondern darum, Sicherheit, Stabilität und Selbstwahrnehmung zu fördern. Wir achten darauf, Überforderung zu vermeiden, Wahlmöglichkeiten zu erhalten und das Nervensystem zu entlasten.

Hier knüpft Compassionate Inquiry an – es vertieft die Achtsamkeit für innere Prozesse, ohne therapeutisch zu werden.

Es unterstützt Berater:innen, wenn:

👉🏻 belastende Geschichten alte Stressmuster antriggern,
👉🏻 starke Emotionen im Raum spürbar werden,
👉🏻 oder sich wiederkehrende Themen zeigen, die über reine Logik hinausgehen.

Durch CI lernen wir, unsere eigene innere Reaktion zu regulieren, präsent zu bleiben und gleichzeitig dem Gegenüber einen sicheren Raum zu bieten. Wir erforschen gemeinsam, was gerade passiert – immer in der Gegenwart, immer im Tempo des Klienten.

Für psychosoziale Berater:innen ist dieser Ansatz besonders hilfreich, weil er hilft, Grenzen und Verantwortung klar zu halten: Wir begleiten die aktuelle Erfahrung, aber wir greifen keine therapeutischen Prozesse auf.

Die Haltung hinter CI

Compassionate Inquiry beschreibt elf Qualitäten, die Berater:innen kultivieren können – darunter Empathie, Authentizität, Selbstwahrnehmung, Neugier und Nicht-Wertung.
Diese Eigenschaften bilden das Fundament einer beziehungsorientierten und traumasensiblen Beratung.

In meiner Praxis hat sich gezeigt: Je mehr ich diese Haltung verkörpere, desto tiefer und ruhiger werden die Gespräche. Klient:innen berichten, dass sie sich gesehen, gehört und verstanden fühlen – auch dann, wenn keine konkrete Lösung formuliert wird.

CI stärkt damit nicht nur die Klient:innen, sondern auch die Berater:innen selbst: Wer im Kontakt mit sich bleibt, kann herausfordernde Gespräche führen, ohne auszubrennen oder zu überidentifizieren.
Empathie, Authentizität, Selbstwahrnehmung, Neugierde und Wertungsfreiheit sind zentrale Qualitäten von CI.

Warum CI besonders für Fachkolleg:innen besonders wertvoll ist

Viele Berater:innen, die zu mir kommen, sind fachlich versiert und reflektiert – und trotzdem geraten sie in bestimmten Situationen ins Stocken.

Sie wissen, was zu tun wäre, und merken gleichzeitig, dass ihr Körper etwas anderes sagt: der Kloß im Hals, das Drücken in der Brust, die plötzliche Müdigkeit.

Compassionate Inquiry hilft, genau das zu verstehen.

Anstatt die körperlichen Reaktionen zu ignorieren oder zu „überfunktionieren“, lernen wir, sie als Signal zu lesen.

Dadurch entsteht ein Bewusstsein, das sowohl die Selbstregulation als auch die Beratungskompetenz stärkt.

Gerade in der Supervision oder Einzelselbsterfahrung ist CI ein wertvolles Werkzeug, um die eigene Praxis zu reflektieren:

👉🏻 Wo reagiere ich automatisch?
👉🏻 Welche Themen berühren mich stärker als andere?
👉🏻 Wie kann ich präsent bleiben, auch wenn es emotional wird?

Diese Fragen sind keine Schwäche, sondern Teil professioneller Entwicklung.

Persönlicher Blick aus meiner Praxis

Seit ich Compassionate Inquiry in meine Arbeit integriert habe, erlebe ich Beratungsgespräche als ruhiger, tiefer und zugleich leichter.

Klient:innen berichten oft, dass sie durch das bewusste Wahrnehmen ihrer Körperreaktionen neue Klarheit und Entlastung finden. Manchmal genügt ein Moment echten Gewahrseins – und das Nervensystem entspannt sich spürbar.

Auch für mich persönlich war dieser Ansatz ein Wendepunkt. Ich habe gelernt, meine eigenen Stresssignale frühzeitig zu erkennen und mich zu regulieren, statt zu reagieren.

Das gibt mir heute mehr Gelassenheit, Sicherheit und Vertrauen – in mich und in den Prozess.

Fazit

Compassionate Inquiry ist kein therapeutisches Verfahren, sondern eine Haltung, die die traumasensible Beratung vertieft.

Sie hilft, die Brücke zwischen kognitivem Wissen und körperlichem Erleben zu schlagen – für mehr Präsenz, Empathie und emotionale Sicherheit in der Beratung.

Für psychosoziale Berater:innen ist das eine wertvolle Ressource: Wir bleiben innerhalb unseres Rahmens – und können dennoch auf einer tieferen Ebene begleiten.
Wenn du mehr darüber erfahren oder diesen Ansatz in Supervision oder Einzelselbsterfahrung kennenlernen möchtest, lade ich dich herzlich ein, dich bei mir zu melden.

Gemeinsam können wir erkunden, wie Compassionate Inquiry auch deine Arbeit bereichern kann – traumasensibel, professionell und menschlich.