Was ist der innere Teenager?
Der innere Teenager ist ein schützender Anteil, der in einer überfordernden Zeit entstanden ist und bis heute jüngere, verletzliche Anteile abschirmt. Woran du ihn erkennst und wie du in unter einer Minute mit ihm in Kontakt kommst, liest du in diesem Artikel.
Das innere Kind kennt inzwischen fast jede:r: ein zerbrechliches, oft verletztes oder vernachlässigtes Wesen, das (so jedenfalls viele Coaching-Ansätze) in uns wohnt und uns als Erwachsenen das Leben schwer machen kann. Mein persönlicher Endgegner war lange ein anderer Anteil, über den erstaunlich selten gesprochen wird. Der innere Teenager.
Als ich auf LinkedIn darüber geschrieben habe, kamen so viele private Nachrichten, dass daraus dieser Artikel geworden ist.
Der Beschützer des inneren Kindes
Der innere Teenager ist bei vielen Menschen der Verteidiger des inneren Kindes. Er entsteht häufig in einer Zeit, in der Frust, Zorn und Ausweglosigkeit groß waren und die Möglichkeiten klein (mit vierzehn kann man weder ausziehen noch kündigen). Also findet er Lösungen, und zwar die, die einem Jugendlichen zur Verfügung stehen: dichtmachen, verweigern, abschalten, wegdriften.
Damals war das klug. Und oft macht er diesen Job bis heute, auch wenn die Lage, für die er ihn übernommen hat, längst vorbei ist.
„Innerer Teenager“ ist mein Name für diesen Anteil. Als eigene Kategorie kommt er im Modell Internal Family Systems (IFS) von Richard Schwartz nicht vor. Schwartz sortiert Anteile nach ihrer Aufgabe, und weil die Aufgabe dieses Anteils Schutz ist, gehört er dort zu den Beschützern.
Die Grundannahme dahinter
„Es gibt keine schlechten Anteile. Die Anteile hatten alle einmal eine positive Absicht und wurden in Rollen gezwungen, die sie nicht mögen und nicht verdienen und die sie gern verlassen würden. Sie halten es nur noch nicht für sicher genug.“
nach Richard Schwartz, No Bad Parts (2021)
Innere Anteile können in unterschiedlichen Altersstufen entstehen und bleiben dort stecken. Schwartz beschreibt sie als innere Wesen mit vollständigen Persönlichkeiten, und so benimmt sich der innere Teenager ungefähr wie ein Vierzehnjähriger, der die Nase voll hat.
Woran merkst du, dass der innere Teenager übernimmt?
Der innere Teenager zeigt sich meistens als Widerstand, den du dir selbst nicht erklären kannst, und zwar genau bei den Themen, an denen du eigentlich arbeiten willst. Ein paar Anzeichen, an denen ich ihn bei mir und bei Klient:innen erkenne:
- Gehirnnebel, sobald du dich an ein bestimmtes Thema setzt
- Bockigkeit, die aus dem Nichts kommt
- innerer Widerstand bis hin zum mentalen Verlassen der Situation, du sitzt noch da und bist in Gedanken längst woanders
- plötzliche Müdigkeit, sobald es überfordernd wird
Die Liste ließe sich verlängern. Und natürlich ist nicht jede Müdigkeit ein Anteil (wer schlecht geschlafen hat, ist einfach müde). Aufschlussreich wird es, wenn das Muster an Themen hängt. Die Schwere kommt bei der Steuererklärung, vor dem einen Telefonat oder beim Ausräumen eines bestimmten Kastens, und sie ist wieder weg, sobald du etwas anderes machst.
Was im Körper bei dieser plötzlichen Schwere passiert, beschreibt die Polyvagaltheorie.
Warum Wegschauen ihn lauter macht
Mein wichtigstes Learning der letzten Jahre, mit zahlreichen Klient:innen und bei mir selbst: Alles, was ohnehin schon da ist, darf da sein.
Deine inneren Anteile hatten alle einmal eine wichtige Funktion. Heute stehen sie dir manchmal im Weg. Man kann sich das vorstellen wie Mitarbeiter:innen nach einer Umstrukturierung, deren Aufgabe weggefallen ist und die niemand umgeschult hat.
Wenn ich so einen Mitarbeiter ignoriere, wegschicke oder auf andere Art unfreundlich behandle, wird er frustriert, stört und arbeitet nicht mehr mit. Bei inneren Anteilen ist das genauso. Sie wollen gesehen werden, und je mehr man wegschaut, desto lauter werden sie, manchmal bis hin zu körperlichen Beschwerden.
Bei Schwartz steht dazu, dass Anteile sich wie Menschen dagegen wehren, beschämt, bewertet oder weggesperrt zu werden. Er beschreibt dies mit Worten, die gut zur vorherigen Metapher passen: „You are not your job“, du bist nicht dein Job. Der Anteil wird nicht verbannt oder mundtot gemacht. Er bleibt im inneren Team und bekommt mit der Zeit eine Aufgabe, die zur heutigen Lebensrealität passt.
Was tun, wenn sich der innere Teenager zeigt?
Stellst du fest, dass sich dein innerer Teenager meldet, haben sich in der Praxis die folgenden sechs Schritte bewährt. Sie lesen sich länger, als sie dauern: Die ersten fünf gehen in unter einer Minute.
- Würdigen. Den Anteil bemerken und begrüßen, innerlich etwa mit „Ah, da bist du“ oder „Danke, dass du dich zeigst“.
- Dabeibleiben. Kurz mit der Aufmerksamkeit dort bleiben. Was spürst du im Körper, und wo? Widerstand, Benommenheit, Ärger? Fällt das Atmen schwer, sitzt ein Kloß im Hals, wird dir flau, hast du Ameisen im Bauch?
- Annehmen. Zur Kenntnis nehmen, dass das jetzt da ist. Mehr braucht es an dieser Stelle nicht.
- Einbinden. Den Anteil mitnehmen, zum Beispiel mit „Ich verstehe, dass du da keinen Bock drauf hast. Wir machen das jetzt gemeinsam.“ Oder: „Ich spüre, dass dir das nicht gefällt. Zusammen schaffen wir das.“
- Nachspüren. Wie reagiert der Anteil darauf? Wird es enger oder weiter, lauter oder leiser?
- Nachreflektieren. Später, wenn Zeit ist (vor dem Schlafengehen zum Beispiel): Was hat sich gezeigt? Was ist die positive Absicht, was will dieser Anteil erreichen? Welche Sorgen hat er, und was braucht er von dir? Hier lohnt es sich, mit ihm ins Gespräch zu gehen.
Bei Schritt 1 hängt es in der Praxis am häufigsten. Wenn du beim Begrüßen merkst, dass du genervt bist oder den Teenager am liebsten zum Schweigen bringen würdest, meldet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade ein zweiter Anteil. In IFS ist das die Schlüsselfrage: Wie fühlst du dich diesem Anteil gegenüber? Die Antwort zeigt, wer gerade am Wort ist. Den genervten Anteil kannst du genauso begrüßen wie den Teenager.
Weil Anteile in ihrem Alter stecken geblieben sind, kannst du mit ihnen reden wie mit einem Menschen in diesem Alter (ich weiß, das klingt etwas crazy, aber gib dem eine Chance). Wer je mit einem Teenager verhandelt hat, weiß, wie wenig Vorträge über Vernunft da bringen.
Zwei Fragen zum Alter
Zum Alter gibt es zwei Fragen, die du dem Anteil stellen kannst, der sich gerade zeigt:
- Wie alt bist du?
- Wie alt denkst du, dass ich bin?
Lass dich von den Antworten überraschen.
Schwartz schreibt dazu: „Trauma freezes parts in time“, Trauma friert Anteile in der Zeit ein. Ein Anteil, der damals entstanden ist, hält die Lage oft für unverändert. Und wenn er glaubt, du wärst noch vierzehn, ergibt sein Verhalten plötzlich Sinn, weil er dann jemanden schützt, der sich nicht wehren kann.
Manchmal hilft es schon, ihm zu sagen, wie alt du heute bist und was du inzwischen alles kannst. Eine schnelle Methode, das zu tun, ist, einen Film von den wichtigsten Stationen deines Lebens vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen.
Warum dauert das Vertrauen bei ihm länger?
Der innere Teenager braucht nach meiner Erfahrung oft länger als kindliche Anteile, bis er Vertrauen fasst, weil er als Beschützer etwas zu verlieren hat (seinen Job und, aus seiner Sicht, die Sicherheit derer, die er abschirmt). Die Frage, die ich ihm dann stelle, stammt aus IFS: „Was befürchtest du, würde passieren, wenn du diesen Job nicht mehr machen würdest?“
Schwartz' Leitsatz für diese Phase ist „To be trusted, be consistent“, wer Vertrauen will, muss verlässlich sein. Beim Teenager heißt das: auch an ruhigen Tagen kurz nachfragen, wie es ihm geht, und ihn nicht nur dann begrüßen, wenn er stört.
Wichtig ist das, weil der Teenager häufig vor der Tür zu den jüngeren Anteilen steht. Solange er nicht vertraut, bleibt dieser Weg versperrt, und das hat seinen Sinn. In IFS gilt der Grundsatz „We don't go to exiles without permission from protectors“: Zu den verletzten Anteilen geht man erst, wenn die Beschützer es erlauben.
Die sechs Schritte oben sind für den Kontakt mit dem Teenager gedacht. Auch Schwartz' Übungen zum Selbermachen zielen nur auf die Beschützer, und für den Weg zu den verletzten Anteilen dahinter braucht es jemanden an deiner Seite, der ruhig bleibt, wenn es intensiv wird. Wenn beim Nachspüren etwas hochkommt, das dich überrollt, ist das ein guter Moment, aufzuhören und dir Begleitung zu holen. Und wenn alte Verletzungen deinen Alltag dauerhaft bestimmen, ist eine Psychotherapie der passende Rahmen.
Der innere Teenager in Beratung und Supervision
In der Beratung zeigt sich der innere Teenager oft als das, was gemeinhin Widerstand heißt. Die Klientin kommt mit einem klaren Anliegen, und sobald es konkret wird, ist der Kopf leer, das Thema plötzlich egal oder die Zeit auf einmal knapp. Aus IFS-Sicht ist das ein Einstiegspunkt (im Original trailhead), über den sich der Anteil kennenlernen lässt.
Schwartz nennt als häufigsten Fehler der begleitenden Person, für den vernünftiger wirkenden Anteil Partei zu ergreifen. Beim Teenager heißt das, gemeinsam mit dem motivierten Anteil der Klientin gegen ihn zu arbeiten, und meiner Erfahrung nach macht er dann umso dichter. Mit ihm zu verhandeln dauert länger und kommt weiter.
Dazu kommt der eigene Teenager. Wenn mich die Bockigkeit einer Klientin ungewöhnlich ärgert, lohnt sich die Frage, welcher Anteil in mir gerade reagiert. IFS nennt das als einen der Fälle, in denen man bewusst nicht in die Tiefe geht: wenn die eigenen Beschützer der begleitenden Person getriggert sind. Wie sich das erkennen lässt, steht im Artikel 5 Tipps, wie du eigene Trigger erkennst und integrierst.
Wo die Grenze zwischen psychosozialer Beratung und Psychotherapie verläuft, steht im Artikel zum rechtlichen Rahmen für Lebens- und Sozialberater:innen.
Wo er sich bei dir meldet
Mich interessiert, in welchen Situationen du deinen inneren Teenager bemerkst. Bei der Arbeit, in Familiengesprächen, bei einem bestimmten Projekt, das seit Monaten liegt? Und was hat er geantwortet, als du ihn nach seinem Alter gefragt hast? Wenn du magst, schreib mir, ich lese das gern.
Wenn dein innerer Teenager dir regelmäßig dieselbe Tür zumacht und du allein
nicht weiterkommst, lass uns reden. Im Orientierungsgespräch klären wir, ob die
Einzelberatung der passende Rahmen dafür ist.
Mehr Hintergrundwissen
Artikel zu den Mechanismen hinter der Arbeit, sortiert nach Methode.